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Die Reaktion des DBV auf die Anklage

Auf der DBV-Webseite finden sich seit Samstag, 29. März, zwei Briefe, die von Ulrich Wenning, Präsident des DBV und Mitglied des deutschen Seniorenteams in Bali, unterschrieben sind. Sie sind gerichtet an den Ankläger Jeffrey Polisner und die Vorsitzende der WBF-Disziplinarkommission, Georgia Heth. Das zweite Schreiben richtet sich zusätzlich an die beiden anderen Mitglieder der Kommission. Das Protokoll der Verhandlung erwähnt weitere Schreiben des DBV, deren Inhalt aber nicht veröffentlicht wurde. Die Tatsache, dass das Protokoll die beiden vom DBV veröffentlichten Schreiben nicht erwähnt, kann durchaus damit erklärt werden, dass sie die Kommission möglicherweise nicht oder nur verspätet erreicht haben. Das ist insbesondere für das zweite Scheiben wahrscheinlich, das das Datum 20. März 2014 trägt. Man bedenke, dass die Verhandlung für den 21. März anberaumt war.

Auf der Gemeinsamen Sitzung von DBV-Präsidium und Beirat am 3. Mai in Berlin wurde beschlossen, dass Punkt 4 des Briefes vom 13. März (in dem Beschluss wie auch im Bridgemagazin fälschlicherweise Brief vom 12. März genannt) "überholt" ist. Grund dafür war, dass nach dem "Bericht der unabhängigen Kommission" auch das Präsidium, mit Ausnahme von Frau Schroeder, von der Schuld der Doktoren überzeugt war. Ich sehe keinen einleuchtenden Grund dafür, dass man das nicht direkt sagen konnte. Genauso wenig verstehe ich, dass dieses beiden Schreiben, die offenbar unter dem Eindruck entstanden waren, dass man die unschuldigen Doktoren verteidigen müsse, nicht vollständig mit dem Ausdruck von Bedauern zurückgezogen wurden, als man erkannte, dass ihre Prämisse falsch war.

Zum Inhalt der Schreiben: Das erste Schreiben vom 13. März 2014 geht auf die Vorwürfe inhaltlich nicht ein, sondern bringt formale Argumente vor.

Der Termin der Verhandlung sei nicht mit dem DBV abgesprochen worden, und daher könne kein DBV-Präsidiumsmitglied dort erscheinen. Einen Vertreter des DBV zu entsenden, der nicht Mitglied des Präsidiums ist, wurde offenbar nicht in Erwägung gezogen.

Es wird gerügt, dass der Ankläger nicht erklärt habe, ob das zur Verfügung gestellte Beweismaterial vollständig sei. Die WBF-Disziplinarkommission hat in ihrem Protokoll der Verhandlung unter Ziffer 6 festgestellt, dass mitgeteilt worden war, dass am dass die Beschuldigten "... alle Dokumente und anderes Material, auf das sich die Anklage stützen würde, erhalten werden." Herr Wenning hat Beweismaterial erhalten. Es gab keinen Anlass für seine Befürchtung, dies sei nicht vollständig, und insofern gab es auch keine Veranlassung für die Kommission, auf die Forderung nach einer solchen Erklärung zu reagieren. Herr Wenning hätte problemlos davon ausgehen können, dass das Beweismaterial vollständig sei, und sich berechtigerweise beschweren können, wenn in der Verhandlung weiteres Beweismaterial präsentiert worden wäre.

Die Absage der Verhandlung am anberaumten Termin wird verlangt. Dies ist 8 Tage vorher mit Sicherheit zu spät, wenn man bedenkt, dass Verfahrensbeteiligte aus 3 Kontinenten ihre Anreise bereits geplant, Flüge gebucht und möglicherweise entsprechend Urlaub genommen haben. Insofern ist das Verlangen zu diesem Zeitpunkt eine Zumutung. Der Termin war seit dem 4. Februar bekannt, und die Möglichkeit, per Videokonferenz teilzunehmen, war eingeräumt worden.

Es wird verlangt, dass der DBV nicht als Beschuldigter aufgeführt wird. Dem wird während der Verhandlung entsprochen, wie man dem Protokoll entnehmen kann (Ziffer 16).

[überholter Punkt 4, siehe oben] Zum Schluss kommt ein, wenn man so will, inhaltliches Argument: Es sei ein interne Untersuchung durchgeführt worden mit dem Ergebnis, dass an den Vorwürfen nichts dran sei. Und warum? Weil Herr Dr. Wladow und Herr Dr. Elinescu sich unmissverständlich dahingehend geäußert hätten, dass sie völlig unschuldig seien und nichts Verwerfliches getan haben. Es ist aber klar, dass die Aussagen von Beschuldigten keinerlei Beweiswert haben. Die vom Ankläger vorgelegten Beweise werden beiseite gewischt, ohne auch nur ansatzweise auf sie einzugehen.

Das zweite Schreiben enthält plötzlich eine Menge inhaltliche Argumente, aber zu einem Zeitpunkt, zu dem es zu spät ist, die Kommission damit noch zu erreichen. Und leider ist die Qualität der Argumente dürftig. Es fragt sich auch, warum der DBV sich jetzt auf argumentativer Ebene für die Beschuldigten einsetzt, die ausweislich des Protokolls der Verhandlung sich nie selbst gegenüber der Kommission inhaltlich zu den Vorwürfen geäußert haben.

Aus dem Inhalt des Schreibens vom 20. März 2014 soll nur beispielhaft auf wenige Punkte eingegangen werden:

Herr Wenning rügt, dass die Zeugen darauf vorbereitet wurden, ein bestimmtes Verhalten zu beobachten, und daher eine unbeeinflusste Beobachtung nicht mehr möglich war. Eigentlich kann sich diese Aussage nur auf den Zeugen Manolo Eminenti beziehen, der von der Turnierleitung beauftragt worden war, die Doktoren im 5. und 6. Durchgang des Finales zu beobachten. Was wäre denn die Alternative gewesen? Hätte man diesen Mann einfach neben den Tisch setzen sollen mit dem Auftrag, pass mal schön auf ob dir was auffällt? Immerhin war dies schon das Finale, und wenn Elinescu und Wladow betrogen, dann war anzunehmen, dass sie damit nicht erst im 3. Durchgang des Finales angefangen haben, sondern dies schon im Halbfinale gegen Frankreich und im Viertelfinale gegen Indonesien praktiziert haben. Und wenn es weder den Indonesiern noch den Franzosen aufgefallen war, und dem Amerikaner Eddie Wold auch erst im 3. Durchgang des Finales, ist es kaum zu erwarten, dass der unwissende Beobachter erstens von selbst bemerkt hätte, dass durch Husten Informationen ausgetauscht werden, und zweitens den von Eddie Wold bereits gefundenen Code nochmals entschlüsselt. Es ist einfach die Natur eines geheimen Codes, dass er nicht so leicht zu entdecken ist. Im übrigen kann man aus der Tatsache, dass Manolo Eminenti den Code im Voraus kannte, kaum schließen, dass er ihn auch beobachtet hätte, wenn er während seiner Beobachtungszeit nicht angewandt worden wäre. Auf die Tatsache, dass der gleiche Code im nächsten Turnier, dem Cavendish im Oktober, erneut beobachtet wurde, geht Herr Wenning nicht ein.

Herr Wenning stellt die Vermutung in den Raum, das Videomaterial sei manipuliert. Er tut dies zwar in etwas verklausulierter Form, aber er tut es eindeutig. Selbstverständlich können Amerikaner Videos manipulieren. Aber Herr Polisner ist nicht die CIA. Und selbst wenn Geheimdienste Manipulationen erstellen, müssen sie höllisch aufpassen, dass sie keinen Fehler begehen, an dem man die Manipulation als solche erkennt. Es ist nicht vorstellbar, welche Motivation Herrn Polisner zu einer Videofälschung greifen lässt, die ihm nachhaltig schaden würde, wenn sie entdeckt würde. Und es ist klar, dass der DBV, wenn Herr Wladow und Herr Elinescu tatsächlich unschuldig wären, die Hilfe von Video-Experten suchen würde, die mit großer Wahrscheinlichkeit eine Fälschung als solche entlarven würden. Aber von keiner solchen Untersuchung wird berichtet, sondern die Fälschung wird einfach vermutet, weil nicht sein kann was nicht sein darf.

Dann stellt Herr Wenning noch die Frage: “How can a player or an observer relate a cough to a particular person on the other side of the screen?” Übersetzung: “Wie kann ein Spieler oder Beobachter einen Huster einer bestimmten Person auf der anderen Seite des Screens zuordnen?” Abgesehen davon, dass wir zwei Ohren haben, um zum räumlichen Hören in der Lage zu sein: Wenn er sich das angeblich manipulierte Video etwas gründlicher angeschaut hätte, dann hätte er erstens gesehen, dass der Beobachter so saß, dass er beide Tischhälften voll einsehen konnte, und zweitens, dass sowohl Herr Dr. Wladow als auch Herr Dr. Elinescu sich beim Husten immer die Hand vor den Mund hielten, wie das bei wohlerzogenen Menschen üblich ist. Ausnahme ist der letzte Huster von Herrn Dr. Wladow in Board 16, doch auch da wird auf dem Video optisch deutlich, wer da gehustet hat. Für die Spieler ist die Identifizierung der Huster des Partners auch nicht so schwierig, wie man vielleicht denkt, da sie ja nur in bestimmten Situationen darauf achten müssen.

Zur korrekten Anwendung des Hust-Codes äußert Herr Wenning konkrete Zweifel bei 9 von 16 Boards. Diese Argumente erweisen sich bei näherer Betrachtung als schwach und keinesfalls geeignet, berechtigte Zweifel an der Existenz des Hust-Codes und seiner Anwendung aufkommen zu lassen: In Boards 1, 5 und 7 wird bemängelt, dass zweimal mit Abstand (“1+1”) für eine Coeur-Kürze gehustet wird anstatt dreimal wie im dritten Durchgang durch Dr. Wladow. Andererseits aber: Herr Dr. Elinescu hat genau in diesen 3 Boards und in Board 13 ein Coeur-Single, und hustet jedesmal gleich. Der Schluss liegt nahe, dass “1+1” eine Alternative für drei mal Husten ist, weil Herr Dr. Elinescu möglicherweise 3 mal Husten nicht so gut hinbekommt. In Board 13 wird offenbar ein Schreibfehler bemängelt (im originalen Bericht steht “S” = Pik anstatt “H” = Coeur), denn es wurde 1+1 gehustet, und tatsächlich war ein Coeur-Single vorhanden. In Board 3 wird bemängelt, dass Herr Dr. Elinescu trotz seines Pik-Singles nicht gehustet hat. Dies spricht aber keineswegs gegen die Existenz des Codes, sondern nachvollziehbarerweise eher dafür, dass er gedacht hat, dass die Information in dieser Situation dem Partner nichts nützen würde, da der Gegner sowieso schnell Trumpf ziehen dürfte, und der Partner den Single dann sowieso sieht. In Board 8 kommen die “systemgemäßen” vier Huster von Herrn Dr. Wladow mit einer kurzen Pause (“2+2”). Herr Wenning sieht darin eine Abweichung vom Hust-Code. Bei Board 10 ist der Kommentar so allgemein gehalten, dass nicht klar wird, was Herr Wenning eigentlich bemängelt. Bei seinem Kommentar zu Board 11 zitiert Herr Wenning den Bericht falsch: dort steht “5+4”, Herr Wenning schreibt aber “4+5”. Zwischen den 5 Hustern zu Beginn der Reizung und den 4 Hustern vor dem Ausspiel vergehen mehr als 4 Minuten. Die 4 Huster bedeuten Pik-Ausspiel, und es wird auch Pik ausgespielt. Was die 5 Huster bedeuten, kann nicht ermittelt werden, weil dieser Code zu selten vorkommt. Zum Schluss missfällt Herrn Wenning, dass Herr Dr. Wladow in Board 16 nur einmal für die Treff-Kürze hustet, obwohl er zusätzlich noch eine Coeur-Kürze hat. Dieser Huster kommt aber später als normalerweise. Offenbar hat Herr Dr. Wladow eine Weile überlegt, welche Kürze er durchgeben soll.

Schließlich führt Herr Wenning noch eine eigene Zeugin ins Feld: Frau Schroeder, nicht-mitspielender Kapitän der deutschen Senioren-Nationalmannschaft. Sie sei stets Herrn Dr. Wladow gefolgt, weil dessen Englischkenntnisse unzureichend waren. Während des gesamten Turniers habe sie keine Anormalität des Verhaltens beider Spieler bemerkt. Tatsächlich sah man gelegentlich die Knie von Frau Schroeder im Video. Sie saß links von Herrn Dr. Wladow, d.h. aus der Perspektive der Kamara jenseits des rechten Bildrands. So hat sie mit Sicherheit das Husten des Dr. Wladow bestens mitbekommen. Es ist aber sehr gut denkbar, dass sie nicht gemerkt hat, dass ein geheimer Code dahinter steckt, obwohl es für sie einfacher gewesen wäre, ihn zu entschlüsseln, weil sie, anders als die Gegenspieler, Herrn Dr. Wladows Karten im Moment des Hustens sehen konnte. Was ihr aber keinesfalls entgangen sein kann, ist die Vorgehensweise von Herrn Dr. Wladow beim Auflegen des nächsten Boards. Der springende Punkt ist, dass er stets die Karten aus dem Board entnahm und anschaute (ohne sie zu zählen), lange bevor die Screenklappe geschlossen war. Dieses Verhalten stand in eklatantem Widerspruch zu den WBF-Regeln; die Karten hätten erst aus dem Board entnommen werden dürfen, nachdem die Screenklappe geschlossen ist. Diese Regelung besteht, um möglichen Betrug an dieser Stelle auszuschließen. Es wäre die Aufgabe von Frau Schroeder als Kapitän gewesen, dieses irreguläre Verhalten beim ersten Vorkommen anzusprechen und sofort zu verbieten. Hätte sich Herr Dr. Wladow geweigert, dieses Verhalten zu ändern, hätte man ihn unbedingt aus dem Team entfernen müssen. Frau Schroeder ist also mindestens an dieser Stelle ihrer Aufgabe als Kapitän nicht gerecht geworden - trotz ihrer durch Herrn Wenning in diesem Schreiben gerühmten internationalen Erfahrung. Siehe hierzu: Protokoll der Verhandlung in Dallas, Ziffer 27E.